You`ll Never Walk Alone …

Grundlagen gelingender Fachberatung in Erziehungsstellen

Für die positive Entwicklung eines Kindes in einer Erziehungsstelle braucht es ein sorgsam geknüpftes Netz sich ergänzender professioneller und privater Systeme.
Kein Angehöriger dieses Netzwerkes sollte dauerhaft allein unterwegs sein müssen. „You`ll never walk alone“ bezieht sich entsprechend auf die unterschiedlichen Stränge dieses Netzes. Im Einzelnen geht es dabei wesentlich um tragende (Arbeits-) Beziehungen zwischen „Kind- Mitarbeiterin“, „Mitarbeiterin- Fachberatung“, „Kind- Fachberatung“, „Eltern- Fachberatung“ und „Fachberatung- Träger“. Erziehungsstellen und Fachberatung sind in diesem Kontext zwei notwendige Seiten einer Medaille, die sich nicht nur ergänzen, sondern die Maßnahme „Erziehungsstelle“ als Hilfe zur Erziehung gem. § 34 SGB VIII inhaltlich ausmachen und beschreiben.

Im folgenden Beitrag möchten wir uns mit den Faktoren gelingender bzw. spezifischer Fachberatung für Erziehungsstellen auseinandersetzen. Nach welchen Kriterien beraten wir, was ist für uns handlungsleitend, wie kommen wir zu Ergebnissen und, welche Voraussetzungen sollten Fachberater*innen erfüllen respektive welche Eigenschaften sollten sie mitbringen, um im Interesse der zu betreuenden Kinder und Jugendlichen, sowie der Mitarbeiter*innen in den Erziehungsstellen wirksam und unterstützend beraten bzw. tätig sein zu können.

Der Begriff „Fachberatung“ als Teil der Maßnahme Erziehungsstelle beschreibt im Wortsinn die Tätigkeit und die Aufgaben der Fachberater*in eher unzureichend. Wenn auch klassische Beratungsarbeit ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit ist, so ergeben sich aus den komplexen Aufgaben der Fachberatung eine ganze Reihe verschiedener Rollen, die wiederum den Beratungs- bzw. Tätigkeitsrahmen teils sehr unterschiedlich definieren. Neben fachlicher Beratung sind Leitungs- und Koordinationsaufgaben ebenso wichtige Bestandteile einer trägergestützten Fachberatung für Erziehungsstellen.

Die Rollen der Fachberatung in Verbindung mit fachlichen, strukturellen und persönlichen Haltungen münden in einen Prozess der „inneren Arbeit“, der abwägenden Auseinandersetzung, der Black Box. Diesen Prozess wollen wir im Folgenden etwas genauer betrachten. Beginnen möchten wir zunächst mit einem Aufgabenüberblick.

1. Aufgabenüberblick einer Fachberatung für Erziehungsstellen

Jugendamt

  • Anfragebearbeitung
  • Kontaktgestaltung und Klärung der Rollen
  • Berichtswesen und Mitwirkung an der Hilfeplanung

Kind / Erziehungsstelle / Herkunftsfamilie / Vormund

  • Gestaltung und Durchführung von regelmäßigen Beratungsgesprächen
  • Unterstützung und ggf. Antragstellung bei der Einleitung von flankierenden Hilfen (Therapie, Klinik, Schulbegleitung usw.)
  • Durchführung von begleiteten Umgängen
  • Beachtung von Informationsverpflichtungen und Autorisationen (Vollmacht, elterliche Sorge)
  • Partizipation sicherstellen (Kinderkonferenz, Beschwerdemanagement)
  • Aktive Rolle bei familiengerichtlichen Verfahren
  • „Alles im Blick“ behalten durch kollegiale Bratung und Supervision
  • Krisenintervention
  • Aktiver Ansprechpartner für die Herkunftsfamilie
  • Organisation von Festen und Freizeiten

Träger / Verwaltung

  • Prüfung von Rechnungen und Abrechnungen, Kooperation mit der Verwaltung
  • Aktenführung und Falldokumentation
  • Umsetzung von Strukturvorgaben (EFZ, Vereinbarung usw.) in Bezug auf entlastende Hilfen und fachliche Kontrolle
  • Vorbereitung von BE Anträgen
  • Ansprechpartner und Klärungsinstanz bei Fragen und Problemen
  • Prüfung und ggf. Aktualisierung von Abläufen
  • Fortschreibung von Konzept und Leistungsbeschreibung
  • Vorbereitung von Verhandlungen zu Entgelt- und Leistungsvereinbarungen

Kollegiale Fachebene

  • Organisation und Vorbereitung von Dienstbesprechungen
  • Moderation von kollegialen Beratungsgesprächen
  • Vorbereitung und Durchführung von Fachtagen
  • Vorbereitung von fachlichem Input nach Bedarf
  • Hinweis auf Fortbildungen für ES Mitarbeiter/innen, sowie regelmäßige eigene Fortbildung
  • Logistische Unterstützung des kollegialen Netzwerkes
  • Zusammenarbeit mit MAV oder Betriebsrat

Akquise und Öffentlichkeitsarbeit

  • Durchführung von Bewerbungsverfahren für neue ES Mitarbeiter/innen
  • Entwurf und Platzierung von Anzeigen in Print- und Internetmedien, Pflege des eigenen Internetauftrittes
  • Öffentliche Profilierung von Erziehungsstellen durch z.B. Zeitungsartikel, redaktionelle Beiträge, Referate usw.
  • Teilnahme an fachspezifischen Arbeitskreisen

Landesjugendamt

  • Erstellung eines regelmäßigen Qualitätsentwicklungsberichtes
  • Organisation und Begleitung von Hausbesuchen im Kontext von BE Anträgen
  • Zusammenarbeit im Rahmen der Aufsichtsfunktion

2. Rollen der Fachberatung

Das Wort Rolle kennen wir aus dem Theater- und Schauspielbereich. Schauspieler spielen eine Rolle. Je mehr sie die Rolle annehmen und mit ihr quasi „verschmelzen“, desto authentischer und überzeugender werden sie vom Publikum wahrgenommen.
Bei der Fachberatung bezieht sich der Begriff Rolle auf die jeweilige berufliche Position verbunden mit spezifischen Anforderungen, die mit der jeweiligen Rolle verbunden sind bzw. verbunden werden. Auch hier gilt, je souveräner und klarer die Rolle ausgefüllt wird bzw. je deutlicher die spezifischen Anforderungen und Erwartungen der Menschen daran erfüllt werden, desto glaubwürdiger die Person (Fachberater*in) und entsprechend wirksamer die Einflussnahme. Das heißt, ein wenig salopp formuliert, ein Fachberater*innenkopf muss so geformt sein, dass viele Hüte (Rollen) darauf möglichst perfekt (und manchmal auch gleichzeitig) passen.

Eine Kernfrage der Arbeit ist stets wiederkehrend: Welchen Hut (Hüte) habe ich gerade auf? Mit welchem äußeren und inneren Auftrag begegne ich den Menschen, welche Erwartungen werden von wem an mich gestellt, welche Werte liegen hinter den Erwartungen, welche Handlungen und welches Verhalten sind sinnvoll und, wie gestalte und fülle ich die Rolle aus?

Im Wesentlichen sind es fünf Rollen, die eine Fachberatung regelmäßig übernehmen und auszufüllen hat.

a) Rolle der Fachfrau bzw. des Fachmanns

Als Fachfrau bzw. Fachmann kennen wir das Feld der Jugendhilfe, haben langjährige Erfahrung in diesem Arbeitsbereich und können diese angemessen vermitteln.
Wir sorgen in dieser Rolle für Sicherheit und Routine in den Abläufen. Manchmal gibt es Unterrollen z.B. als Verteidigerin des Kindes, das bestimmte Erwartungen nicht erfüllen kann, oder wir referieren über Bindungsbeeinträchtigungen und das daraus resultierende Verhalten in der Schule oder im Kontext der Beziehung. Auch Verwaltungsarbeiten sind dieser Rolle nicht fremd. Als Fachfrau bzw. Fachmann wissen wir, wann welche Anträge gestellt werden können. Wir wissen, wo wir uns über Themen informieren können und verstehen die Inhalte.

b) Rolle des Coach

Als Coach begleiten wir individuelle Entwicklungen. Wir besuchen, begleiten und sprechen regelmäßig mit den untergebrachten Kinder, deren Eltern und den Mitarbeiter*innen in den Erziehungsstellen. Es geht uns dabei wesentlich um die Förderung und Herausforderung persönlicher Ressourcen in dem Ziele formuliert und reflektiert, Alltagskonflikte bearbeitet und gegenseitige Wünsche und Erwartungen besprochen werden.

c) Rolle der Moderatorin bzw. des Moderators

Als Moderatorin bzw. Moderator gestalten wir Teamgespräche, Kollegiale Beratungsgruppen und Dienstbesprechungen. Durch die Art der Moderation fördern wir positives Team- bzw. Gruppenerleben und unterstützen die Identifikation der Mitarbeiter*innen mit der Einrichtung. Partizipation und Mitsprache der Mitarbeiter*innen an Fach- und Strukturentscheidungen werden durch moderierendes Management konkret und erlebbar. Die Moderation von Konfliktgesprächen im Sinne von Vermittlung und Erarbeitung von Lösungswegen gehört auch zu dieser Rolle.

d) Rolle des/der Vorgesetzten, der fachlichen Leitung

Als Vorgesetzte bzw. Vorgesetzter obliegt uns in der Regel die sogenannte Fachaufsicht. Bei der Gestaltung dieser Rolle im Kontext der anderen Rollen bedarf es „Augenmaß“. Leitung und Beratung schließen sich bei der Fachberatung für Erziehungsstellen nicht aus, sondern sind in der Regel Bestandteil der Aufgabe. Die Rolle der Fachfrau und die Rolle der fachlichen Leitung (Vorgesetzte) liegen oft nah beieinander, sodass im Rahmen einer fachlichen Beratung auch Anteile einer fachlichen Leitung (Entscheidung) zum Tragen kommen können. Zur Rolle der Vorgesetzten gehört auch, Ziele und Aufgaben mit den Mitarbeiter*innen zu entwickeln und die Umsetzung in Abstimmung mit der Einrichtungsleitung zu überprüfen.

e) Rolle als Mitarbeiter*in beim Träger

Als leitende Mitarbeiter*in (Bereichsleitung, Leitungsteam) einer Einrichtung sind wir der jeweiligen Einrichtungsleitung unterstellt und sind in die Strukturen der Einrichtung eingebunden. Wir vertreten die Interessen der Kinder- und Jugendlichen und der Mitarbeiter*innen gegenüber der Einrichtungsleitung, vertreten aber ebenso die Einrichtung und die Vorgaben der Leitung gegenüber den Mitarbeiter*innen.

3. Fachberatung und Haltung(en)

Menschen haben unterschiedliche innere Einstellungen, die ihr Denken und Handeln prägen. Verhalten und Auftreten werden durch diese Einstellungen beeinflusst und basieren mitunter direkt darauf (vgl. Duden – Die deutsche Rechtschreibung). Je nach unserer Sozialisation und unseren Lebenserfahrungen können sich sehr unterschiedliche Einstellungen, Haltungen zu großen und kleinen Fragen des Alltags, zu Politik, Religion, Klima, usw. entwickeln. Haltungen sind immer subjektiv und sehr persönlich. Im beruflichen Kontext der Fachberatung bedürfen sie aber einer Reflektion und ggf. auch einer kritischen Überprüfung, da Haltungen maßgeblich auch unser berufliches Handeln beeinflussen.

Haltungen einer Fachberater*in für Erziehungsstellen können nicht verordnet werden, dürfen aber auch nicht willkürlich sein. Hilfreich und maßgeblich für uns sind Haltungen im beruflichen Kontext, die sich auf ein systemisch geprägtes Menschenbild mit folgenden Grundüberzeugungen beziehen:

  • Jeder Mensch ist ein autonomes und lernfähiges Wesen
  • Jedem Handeln liegt eine positive Absicht zugrunde
  • Jeder Mensch verfügt über Ressourcen, um seine Lebenssituation zu verbessern
  • Menschen können Probleme dann lösen, wenn sie sie verstanden haben
  • Nachhaltige Veränderungen geschehen nicht gegen die Überzeugung eines Menschen

Demzufolge ist unser Handeln und Auftreten in jeglichen beruflichen (und oft auch privaten) Zusammenhängen situationsangemessen geprägt von:

  • Wertschätzung
  • Interesse
  • Transparenz
  • Unvoreingenommenheit
  • Lösungsorientierung
  • Partizipation
  • Reflektionsbereitschaft
  • Allparteilichkeit

Dieser Anspruch ist nur durch ständige Reflektion, Überprüfung und ggf. Korrektur umzusetzen und aufrechtzuerhalten. Unabdingbar in diesem Zusammenhang sind regelmäßige Supervision, kollegiale Beratung und niederschwelliger vertrauensvoller Austausch („Tür und Angel Gespräche“). Trotzdem bleiben unsere Haltungen persönlich und sie dürfen sich unterscheiden.

4. Black Box

Was geschieht nun, wenn Aufgaben auf Rollen und Haltungen treffen und umgekehrt? Unsere Supervisorin stellt die Hypothese auf, dass 80 Prozent der Fachberater*innen Tätigkeit im Alltag aus solcherart „Qualifiziertem Nachdenken“ besteht. Den tatsächlichen Anteil dieser komplexen inneren Abläufe an unserer Arbeit können wir zwar nicht quantifizieren, unterstreichen allerdings, dass es sich um einen erheblichen Anteil handelt.

Wir haben entschieden, die inneren Abläufe in Anlehnung an die Verhaltenspsychologie „Black Box“ zu nennen. Was im Inneren der Box vorgeht ist nicht sichtbar, aber von enormer Bedeutung zur Herstellung von Fachlichkeit.

Bedeutsam für die Abläufe in der Black Box einer/eines Fachberater*in für Erziehungsstellen sind dabei unter anderem folgende Aspekte:

  • Erziehungsstellen sind ein professionelles und privates System gleichzeitig. Fachberatung ist gefordert, die daraus resultierenden speziellen Dynamiken fachlich einzuschätzen und ggf. aufzufangen.
  • Professionelle Beratung im privaten Raum stellt besondere Anforderungen an das Einfühlungsvermögen von Fachberatung.
  • Fürsorgepflicht gilt gleichzeitig gegenüber den aufgenommenen Kindern und dem aufnehmenden System. Das ist nicht immer ohne weiteres vereinbar.
  • Fachberatung muss einerseits nah dran sein und andererseits den Außenblick wahren.
  • Fachberatung steht im Mittelpunkt unterschiedlicher, oft widersprüchlicher Erwartungen z.B. vom Herkunftssystem und der Erziehungsstelle.
  • Fachberatung leistet Übersetzungsarbeit zwischen kulturell sehr unterschiedlichen Systemen.
  • Fachberatung vermittelt gegenüber Dritten, dass herkömmliche Maßstäbe an Heimerziehung nicht 1:1 auf Erziehungsstellen übertragen werden dürfen. Erziehungsstellen verlieren ansonsten ihren speziellen und fachlich beabsichtigten Charakter.

In der Black Box der Fachberatung herrscht somit oft Hochbetrieb. Sie muss Handlungsfähigkeit herstellen trotz Komplexität. Ganz unterschiedliche Ebenen agieren miteinander. Die Black Box hat immer mit einer Palette parallel laufender Prozesse zu tun. Hier werden das große Ganze und gleichzeitig viele Details in den Blick genommen. Es gilt Haltung und Rollen zu klären, ambivalente Gefühle zu beachten und Widersprüche aufzulösen. Welche Faktoren sind bedeutsam? Wie ist die Fachberatung selbst aufgestellt? Was hat Priorität, wann muss wer einbezogen werden? Fachliches Know How wird mit Intuition abgeglichen. Permanent wird gewichtet, tariert, Balance hergestellt, reflektiert und geplant. In der Black Box findet die nötige Verknüpfung statt, damit erfolgreiche Erziehungsstellenarbeit gelingen kann.

5. Black Box in Aktion – Zwei Beispiele aus dem Alltag

Unterschiedliche Rollen von Fachberater*innen, persönliche Haltungen, sowie Elemente des qualifizierten Nachdenkens sind nicht beliebig, sondern folgen institutionellen Bedingungen und sind, neben der persönlichen Note, fachlich begründet. Bei den nun folgenden Praxisbeispielen geht es uns um die Darstellung des Prozesses und nicht um die Lösung. Die beiden Beispiele sind
deutlich verfremdet, aber real aus unserem Alltag genommen.

5.1. Partizipation sicherstellen

Situation:

Melanie ist 7 Jahre alt und in der ersten Klasse. Seit 4 Jahren lebt sie bei Kerstin und Jochen in einer Erziehungsstelle. Melanie hat eine gute Entwicklung gemacht. Sie ist aber immer noch ein eher zurückhaltendes und scheues Kind. Die zuständige Fachberaterin fragt nach, ob Melanie bei einer Ferienfahrt mitfahren möchte. Sie schlägt eine Fahrt in den Harz vor. Mit dem Anbieter dieser Ferienfahrt habe man in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht. Kerstin sieht Melanie noch nicht auf einer Freizeit. Soweit sei sie noch nicht. Melanie brauche man da auch nicht fragen, da sie noch nicht überblicken könne, was da auf sie zukommen würde.

Rolle

• In der Rolle des Vorgesetzten bin ich auch für die Einhaltung verabredeter Standards in Bezug auf Beteiligung von Kindern und Jugendlichen verantwortlich. Partizipation ist ernst zu nehmen, sonst sind die schönen Konzepte das Papier nicht wert.
• In der Rolle des Beraters höre ich auch die Argumente meiner Mitarbeiterin und nehme diese ernst.
• In der Rolle des Fürsprechers/Anwaltes für das Kind, muss ich dafür sorgen, dass auch das Kind zu Wort kommen darf.

Haltung

• Ich bin davon überzeugt, dass Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Prozessen, die sie betreffen notwendig ist. Meinem demokratischem Grundverständnis widerstrebt Bevormundung und „Nur zu deinem Besten“ Entscheidungen.
• Grundsätzlich strebe ich immer einvernehmliche Entscheidungen an. Von „Chef“ Entscheidungen halte ich nicht viel, da ich das Beratungsklima nicht beeinträchtigen will.
• Den Kindern und Jugendlichen gegenüber mache ich stets deutlich, dass ich für sie da bin, ihre Interessen im Blick habe und sie mich in Notfällen umgehend kontaktieren können. Glaubwürdigkeit ist für mich sehr wichtig.

Black Box

• Ich kenne Kerstin schon lange. Sie ist sehr engagiert und kämpft notfalls „wie eine Löwin“ für die Interessen „ihrer“ Kinder.
• Kerstin hat nachvollziehbare Argumente. Sie ist davon überzeugt, im Interesse von Melanie zu handeln.
• Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in manchen Beratungsprozessen Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht immer von allen Beteiligten mitgetragen werden.
• Letztlich bin ich verantwortlich und kann eben auch zur Verantwortung gezogen werden.
• Ein schlechtes Klima am „privaten Küchentisch“ wirkt sich aus.

5.2. Durchführung eines begleiteten Umgangs

Situation:

Jennifer ist 14 Jahre und lebt schon seit vielen Jahren bei Marlene in einer Erziehungsstelle. Die Eltern haben das volle Sorgerecht. Gegen den Vater steht ein Missbrauchs Verdacht im Raum. Elternkontakte finden auch deswegen immer durch die Fachberatung begleitet statt. Der Vater ist ein dominanter und cholerischer Mensch. Er wehrt sich vehement gegen die Missbrauchs Vorwürfe. Zudem lässt er immer wieder durchblicken, dass er zwar der Meinung ist, dass Jennifer bei Marlene gut aufgehoben ist, er aber das Recht habe, Jennifer jederzeit wieder nach Hause zu holen. Bei den Besuchen kommen Jennifers jüngere Geschwister mit. Darüber freut sie sich immer sehr. Auch ihre Mutter ist ihr sehr wichtig …

Rolle

• In der Rolle als Fachfrau sehe ich, dass Jennifer Schutz braucht. Vor den Kontakten mache ich einen Besuch bei den Eltern, um Themen zu besprechen und spüren, wie ist die aktuelle Stimmung? Wenn ich spüre, es ist schwierig, organisiere ich einen männlichen Kollegen, der mir in einer Krisensituation beistehen und mit dem Mädchen die Situation verlassen kann.
• In der Rolle der Moderatorin schaffe ich z.B. durch eine einladende Atmosphäre mit Kaffee und Kuchen eine entspannte Situation. Ich bespreche mit allen Beteiligen, wie die konkrete Begegnung gestaltet wird.
• In der Rolle des Coach erwäge ich, welche Ressourcen können zu einem Gelingen beitragen? Welche Ziele haben Eltern und Jugendliche in den Begegnungen und wie können wir diese erreichen?

Haltung

• Ich weiß, die monatlichen Treffen sind kostbar für alle Beteiligten. Alle sollen mit einem guten Gefühl nach Hause gehen können.
• Ich möchte zu einem entspannten Kontakt beitragen.
• Entsteht eine unberechenbare Situation, hat Sicherheit und Schutz für Jennifer absoluten Vorrang.

Black Box

• Der monatliche begleitete Umgang steht an. Ich denke an Jennifer. Sie befindet sich gerade in einer stabilen Phase.
• Ich stelle mich auf die Situation ein: Auch nach vielen Jahren beobachte ich Auffälligkeiten in der Beziehung zwischen Vater und Tochter.
• Jennifer ist bestrebt, sich durchgängig gut mit dem Vater zu stellen.
• Anfangs hat sie sich ihm gegenüber geradezu unterwürfig verhalten. Der Gedanke daran macht mich wütend.
• Wie gehe ich mit meiner Wut um? Was hilft mir professionelle Distanz zu bewahren?
• Neuerdings übt Jennifer sich in Abgrenzung, was ihren Vater verunsichert. Er reagiert mit Demonstration von Macht.
• Die Kommunikation zwischen Jennifer, den Geschwistern und der Mutter ist zwanglos. Wie kann es gelingen, hier einen Schwerpunkt zu setzten?
• Wie stärke ich Jennifers zaghafte Schritte, sich vom Vater abzugrenzen?
• Sind angesichts der veränderten Balance veränderte Rahmenbedingungen erforderlich?
• Ich beginne die unterschiedlichen Aspekte zu vernetzen. Mit welchen Erwartungen und Widersprüchen habe ich zu tun? Was will ich noch klären?
• Wie bin ich selbst aufgestellt?
• Ich gewichte, tariere, plane. Immer deutlicher bildet sich die Gestaltung des Umgangskontaktes heraus.

Vergegenwärtigen muss man sich in diesem Zusammenhang, dass solcherart Prozesse mitunter schnell ablaufen müssen. Das muss dann manchmal wie Fahrrad- oder Autofahren funktionieren. Übung macht dementsprechend auch hier den Meister. Insofern möchten wir abschließend der Frage nachgehen, welche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen es braucht, damit das Zusammenspiel von Rolle, Haltung und Black Box auch gute Lösungen produziert und vor allem auch dann, wenn wenig Zeit zur Verfügung steht.

5. Was braucht Fachberatung?

Fachberater*innen für Erziehungsstellen üben eine anspruchsvolle und komplexe Tätigkeit aus. Um in diese Tätigkeit gut hineinwachsen zu können und den Erfordernissen der Aufgaben fachlich und menschlich gerecht zu werden, bedarf es aus unserer Sicht einiger Voraussetzungen und Erfahrungshintergründe. Grundsätzlich sollten unseres Erachtens Fachberater*innen für Erziehungsstellen stets im Team arbeiten oder sich zumindest fachlich vernetzen.
Fachberater*innen für Erziehungsstellen …

• Haben eine sozialpädagogische oder pädagogische (Fach)Hochschulausbildung
• Haben sich in der Regel systemisch fortgebildet und interessieren sich für weitere Fortbildungen. Hilfreich sind Fortbildungen u.a. in den Bereichen Erwachsenbildung, Kommunikation, Qualitätsentwicklung und Personalführung bzw. Traumapädagogik und Bindungsentwicklung.
• Können psychische Auffälligkeiten von Kindern und Erwachsenen einordnen.
• Sollten ihre beruflichen Wurzeln in der Jugendhilfe haben und sich in den Strukturen gut auskennen.
• Haben an der „Basis“ gearbeitet und sich selbst dort immer besser kennengelernt. Wie fühlt es sich an, mit aufgenommen Kindern und Jugendlichen zu leben? Welche „Knöpfe“ haben sie bei mir gedrückt, um mir meine Grenzen zu zeigen? Wie belastbar habe ich mich selbst in einem ähnlichen System erlebt, in dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten und leben?
• Können gut organisieren. Fallprozesse müssen gut strukturiert werden, dazu bedarf es auch guter Selbstorganisationsfähigkeiten.
• Lassen sich nicht unter Druck setzen. Entscheidungen müssen wachsen, manchmal ist erst nach ein oder zwei Tagen Klarheit da, wie gehandelt werden muss. Die Fachberatung braucht dafür Gelassenheit, Mut und das Wissen, „von oben“ auf die Situation schauen zu können, sowie die Fähigkeit, immer wieder die Meta – Ebene einzunehmen und in die Distanz gehen zu können – zu Mitarbeiterinnen, Eltern und Kindern.
• Können und müssen manchmal schnelle Entscheidungen treffen. Die Kunst der Unterscheidung, ob schnell oder gelassen reagiert werden kann, bedarf manchmal der Rücksprache mit Kollegen und/oder Vorgesetzten.
• Sind empathisch und können die Gefühle anderer Menschen gut deuten. Wie geht es den Einzelnen im Prozess? Wie fühlen sich Eltern, Kinder und Mitarbeiterinnen im Alltag, was bedeutet die Unterbringung in einer Erziehungsstelle für alle am Prozess beteiligten?
• Arbeiten gerne im Team und schätzen Teamarbeit als wichtige Ressource. Als Team wissen wir, welch großer Schatz es ist, gemeinsam Geschichten zu reflektieren und in unklare Situationen gemeinsam Klarheit zu bringen. Unsere schon erwähnten Tür und Angel – Gespräche qualifizieren unsere Arbeit auf eine besondere Art und Weise.
• Sehen in Konflikten stets eine qualitative Herausforderung. In der Arbeit stoßen wir immer wieder auch unterschiedliche Ziele und Haltungen. Konflikte sind somit vorprogrammiert. Ideen und Strategien zur Deeskalation sind dabei ebenso hilfreiche Werkzeuge, wie die Fähigkeit, Konflikte aushalten und in den Prozesskontext einordnen zu können.
• Können auch für sich sorgen, wissen wie sie den Alltag hinter sich lassen können und zu einer inneren Balance kommen. Hilfreich können hier z.B. Hobbies oder ein stabiles soziales Gefüge im Privaten sein.
• Wissen, dass oftmals „der Weg das Ziel“ ist. Da unsere Arbeit prozessorientiert ist, gibt es selten das Gefühl, „fertig“ zu sein. Das Wissen und das Vertrauen darauf, dass es weitergeht, gehören mit dazu.
• Sind neugierig und haben eine positive Grundstimmung. Neben vielen Fähigkeiten und Fertigkeiten sind Neugierde, Humor und Freude am Menschen an sich so wie das Salz in der Suppe.

Last but not least: „Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.“ Ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe. Wer mit dem Herzen dabei ist, wird berühren und vieles erreichen. Das verbindet die Arbeit der Erziehungsstellen mit der Arbeit der Fachberater/innen. Zu beiden Bereichen gehört immer auch ein wenig „Herzblut“.

Fachberater*innen Team der Bremer Erziehungsstellen
Barbara Schaub
Heidrun Begemann
Uwe Rahenbrock
Ulrich Kenkel

EREV Fachtag Erziehungsstellen im November 2017

Eine Arbeit die Sinn macht und die Gestaltungsspielräume zulässt. Ich bekomme Anerkennung und Wertschätzung durch die Kollegen und Fachberater.

Katja Kropp-Timmermann