Vortrag im Rahmen der EREV Fachtagung vom 16. – 17.11.2004 in Bonn von Ulrich Kenkel und Barbara Schaub

Fachberatung in Erziehungsstellen

Balanceakt zwischen Fallbegleitung, Fachaufsicht und Fürsorge

Verehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

Fachberatung in Erziehungsstellen, Balanceakt zwischen Fallbegleitung, Fachaufsicht und Fürsorge. Wenn Sie Bilder zu einem Balanceakt assoziieren, fällt Ihnen vermutlich ein Seilakrobat ein, der mit einer langen Stange über einen Abgrund balanciert. Ganz so gefährlich geht es bei uns nicht zu. Trotzdem: Gleichgewicht, Ausgleich und Übersicht sind Begriffe, die für unser Grundverständnis von Fachberatung in Erziehungsstellen wichtig sind. Deswegen sind wir keine Akrobaten, aber gewissermaßen Gleichgewichtsspezialisten.
In unserem Beitrag möchten wir Ihnen unsere Sichtweise von Fachberatung in Erziehungsstellen näher bringen. Diese Sichtweise repräsentiert den Ist – Stand eines achtjährigen Entwicklungsprozesses.

Fallbegleitung

Intensiver Beratungsrahmen
Dreh- und Angelpunkt der Fachberatung sind die persönlichen Beratungsgespräche in der ES. Diese finden alle 14 Tage als Hausbesuch in der Erziehungsstelle statt. Dabei wird beachtet, dass die Termine so gelegt werden, das mindestens einmal im Monat ein direkter Kontakt zum Kind bzw. Jugendlichen stattfinden kann.

Für die untergebrachten Kinder oder Jugendlichen ist dieser Kontakt von großer Bedeutung. Sie wissen, der Fachberater / die Fachberaterin kommt ihretwegen. In den Gesprächen geht es um sie persönlich, um ihre Stärken und ihre Schwächen, um Positives, Gelungenes aus den letzten Wochen, aber auch um Schwieriges, Irritierendes und Problematisches. Sie erleben diese Kontakte insgesamt als Aufwertung ihrer Person. Grundsätzlich haben die Kinder und Jugendlichen immer die Möglichkeit, mit der Fachberatung auch allein sprechen zu können.

Gibt es Konflikte in der Erziehungsstelle, so besteht die Möglichkeit, Gesprächssituationen sehr unterschiedlich gestalten zu können. Mit dem Kind allein, mit den anderen dort lebenden Kindern allein, gemeinsam mit allen Kindern oder auch mit Kindern und Erwachsenen. Gemeinsam kann geschaut werden, wer hat wie welche Situation wahrgenommen, welche emotionalen Reaktionen gab es, wie wurde die Situation geklärt und verarbeitet.

Die aufgenommen Kinder wissen auch, dass wir die Kontaktpartner sind, wenn es um die Herkunftseltern geht. Gibt es neue Informationen von den Eltern, eventuell ist Post für die Kinder bei der Fachberatung angekommen, wann und wo kann es Kontakt zu den Herkunftseltern geben.

Die Mitarbeiterinnen nutzen die Fachberatung, um Situationen aus dem Alltag zu reflektieren. Wie wirkt sich das Verhalten des Kindes auf das Gesamtsystem aus, wie reagiert die Fachfrau /Fachmann darauf, welche Umgangsformen sind angebracht, welche Strukturierungshilfen müssen dem Kind gegeben werden, welche Bedarfe sind noch abzudecken. Auch eigenes inneres und äußeres Erleben wird thematisiert. Wo gibt es Übertagungen? Welche Verhaltensweisen sind für traumatisierte Kinder und Jugendliche typisch und wie ist damit umzugehen?

Der 14 tägige Beratungsrhythmus ermöglicht dabei, Prozesse relativ dicht und intensiv begleiten zu können. Die Fachberatung ist keine außenstehende Beratungsinstanz, sondern ist Bestandteil des Hilfesystems Erziehungsstelle.

Krisenmanagement
Krisen in Erziehungsstellen können vielfältige Ursachen haben. Wir möchten zwei Arten von Krisen unterscheiden, 1. die, deren Ursache innerhalb des Systems zu suchen sind und 2. Krisen, die durch die Beeinflussung von außen in die ES hereingetragen werden.
Erziehungsstellen sind durch ein dichtes System von Beziehungen geprägt. Von großer Bedeutung ist dabei das Verhältnis von Nähe und Distanz in erster Linie zwischen der ES Mitarbeiterin und dem untergebrachten Kind bzw. Jugendlichen. Dieser Balanceakt gelingt nicht immer. Die Mitarbeiterinnen haben nur wenig Möglichkeiten, in eine äußere Distanz zu gehen (wie z.B. Mitarbeiterinnen in der Heimerziehung), daher müssen sie eine innere Haltung entwickeln, die ihnen auf der einen Seite Authentizität im Verhalten ermöglicht, die aber andererseits auch die professionelle Reflexion der Situation möglichst zeitnah zulässt.

Gelingt das nicht, kann es zu Machtverstrickungen zwischen den Erwachsen und den Kindern kommen, so dass je nach Eskalationsgrad die Fachberatung gemeinsam mit den Erwachsenen und den Kindern und Jugendlichen die „krisenhafte“ Entwicklung reflektieren und neue Formen des Umgehens entwickeln muss.

Krisen, die von außen in die ES herangetragen werden, können z.B. Entwicklungen in der Herkunftsfamilie sein, deren Dynamik sich im Verhalten des Kindes widerspiegelt. Aggressive Ausbrüche, Trauer und Depression, Irritationen und Verunsicherungen können die Folge sein und werden im Alltag ausgelebt. Im Vordergrund der Krisenbearbeitung steht hier nicht die Klärung von Konflikten, sondern das Verstehen und Zuordnen von Verhalten, sowie die Entwicklung eines Zugangs zur emotionalen Situation des Kindes bzw. Jugendlichen.

Für die Fachberatung bedeutet eine Krise immer erhöhte Aufmerksamkeit und erhöhter Einsatz. Erforderlich ist auf Seiten der Fachberatung die Fähigkeit zur verantwortlichen und sensiblen Einschätzung der Gesamtsituation. Bewertet werden muss, ob das Familiensystem in der Lage ist, die Krise zu bewältigen, ob zusätzliche Hilfen, z.B. durch Gespräche mit der Fachberatung, erforderlich sind oder, ob eine zeitweilige Herausnahme des Kindes bzw. Jugendlichen notwenig ist. Die Fachberatung kann dabei als neutrale Person moderierend aber auch mediativ wirken. Konflikte können so einfacher versachlicht und lösungsorientiert besprochen werden.

Elternarbeit / Arbeit mit Herkunftssystemen
Elternarbeit bzw. Arbeit mit Herkunftssystemen nimmt im Arbeitsalltag der Fachberatung einen großen Raum ein. Schon im Aufnahmeprozess stellt sich der Fachberater bzw. die Fachberaterin den Herkunftseltern als Ansprechpartner und Schnittstelle zur ES vor. Im Verlauf der Maßnahme bleibt die Fachberatung in der Regel durchgängig mit den Herkunftseltern in Kontakt. Je nach Situation gestaltet er / sie am Wohl des Kindes orientiert die Elternarbeit. Aufgaben der Fachberatung sind in diesem Zusammenhang u.a.:

  • Gestaltung und Absprache von Kontakten, sowie Durchführung von begleiteten Besuchen
  • Reflektion von Besuchskontakten in Elterngesprächen mit oder ohne die Mitarbeiterin der ES
  • Informationsschnittstelle zwischen Kindern, Herkunftseltern und/oder anderen Personen der Herkunftsfamilie (Weitergabe von Briefen, Berichte über die Kinder, Informationen über die Situation der Eltern an die Kinder)
  • Dämpfung von Konkurrenzgefühlen der Herkunftseltern in bezug auf die ES

Für die Gestaltung der Elternarbeit ist für die Fachberatung ziel- und handlungsleitend, im parteilichen Interesse für die Kinder und Jugendlichen den Kontakt zu den Herkunftseltern aufrechtzuerhalten und ständig zu verbessern. Dies gilt ebenso für das gesamte Herkunftssystem. Mitunter spielen Großeltern, ältere Geschwister oder Onkel und Tanten eine wichtige Rolle. Dies umso mehr, wenn die leiblichen Eltern aus verschiedenen Gründen nicht präsent sind. Für die ES bedeutet die teilweise (und manchmal auch vollständige) Übernahme der Elternarbeit bzw. der Elternkontakte durch die Fachberatung, dass gerade in schwierigen Entwicklungsphasen die ES Mitarbeiterin sich auf die Stärken des Settings, nämlich die intensive, professionelle Beziehungsarbeit konzentrieren kann und nicht Gefahr läuft, Abwertungen der Herkunftsfamilie aushalten und ggf. abwehren zu müssen. Gerade die flexible und arbeitsteilige Gestaltung der Elternarbeit sehen wir als besondere Stärke des ES-Settings an.

Verwaltungsaufgaben
ES sind (in Bremen) Maßnahmen gem. § 34 KJHG. Das heißt, die Verwaltungsaufgaben bzw. Verwaltungsanforderungen sind mit der Heimerziehung vergleichbar. Auch wenn Abrechnungsmodi beispielsweise einer Heingruppe nicht 1:1 auf einen privaten Haushalt zu übertragen sind, so sind die ES Mitarbeiter verpflichtet, bestimmte Gelder nachzuweisen. Dies gilt insbesondere für die persönlichen Gelder der Kinder und Jugendlichen, wie Bekleidungs- und Taschengelder. Die Fachberatung unterstützt die ES Mitarbeiter dabei. Weitere Aufgaben der Fachberatung sind:

  • Antragstellung z.B. für Zusatzleistungen
  • Listenführung und Statistik
  • Schnittstelle zur Verwaltung der Trägereinrichtung
  • Dokumentation der Maßnahme, das heißt, Erstellung von Protokollen der Beratungsgespräche, Unterstützung der Mitarbeiter bei der Erstellung der jährlichen Maßnahmeberichte, sowie ggf. Relegation und Aktenführung.
  • Aktualisierung des Handbuches

Fachliche Steuerung / Ziele
Im rahmen der Fallbegleitung übernimmt die Fachberatung die fachliche Steuerung. Das heißt, wir beraten die ES in fachlichen Fragen (Genogramm, Lebensthemen, Verhaltensmuster, Auswirkungen früher Störungen, usw.). Die Fachberatung motiviert die ES z.B. Themen aufzugreifen und Auseinandersetzungen zu führen und entscheidet mitunter, z.B. in bezug auf die Inanspruchnahme flankierender Hilfen (Therapie). Um diese Steuerungsaufgabe ausfüllen zu können, muss die Fachberatung über entsprechende Fachkompetenzen (Zusatzausbildung) verfügen. Die Fachberatung muss neben einiger Lebenserfahrung Erfahrung mit der Klientel, Erfahrungen mit der Jugendhilfe allgemein und einen Überblick über die regionalen Hilfesysteme haben. Hinzukommen sozusagen menschliche Qualitäten, wie Empathie, Intuition, Fähigkeit zur Menschenführung und hohe Reflexionsfähigkeit.

Fachaufsicht

Hausbesuche
Durch die regelmäßig stattfindenden Hausbesuche hat die Fachberatung die Möglichkeit, Atmosphäre „vor Ort“ zu erspüren. Werden die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in ausreichendem Maße berücksichtigt ? Dabei spielt die materielle Versorgung, aber auch die emotionale eine Rolle.

Bei der materiellen Versorgung fällt der Blick z.B. auf die Bekleidung, auf die Ausstattung des Zimmers, auf die Absprachen, die bezüglich des Umganges mit der Taschengeldausgabe getroffen wurden.

Die emotionale Versorgung lässt sich z.B. ablesen an der Ansprache der Erwachsenen an das Kind. Gibt es Rituale der Begegnung zwischen Mitarbeiterin und Kind. Wie groß ist der zeitliche Rahmen, der dem aufgenommen Kind oder Jugendlichen im Alltagsleben eingeräumt wird ? Bekommt das Kind aus fachlicher Sicht das, was es benötigt ? (z.B. zusätzliche Therapien wie Ergotherapie, Sprachtherapieformen oder Psychotherapie).

Regelmäßige Kontakte zu den untergebrachten Kindern und Jugendlichen
Die untergebrachten Kinder und Jugendlichen lernen den Fachberater bzw. die Fachberaterin meist als erste kennen, wenn es um die Vermittlung geht. Die gesamte Anbahnung wird durch die Fachberatung begleitet. Die jungen Menschen wissen sehr bald, dass die Fachberatung auch in Krisen für sie ansprechbar ist und ihnen zur Seite steht. Sie wissen aber auch, dass die Fachberatung ebenso an positiven Entwicklungen interessiert ist und sich mit ihnen freut, wenn es gut läuft.

Der regelmäßige Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen gibt der Fachberatung die Möglichkeit, die Stimmigkeit der Gesamtentwicklung zu bewerten und somit zu einer fachlichen Beurteilung der geleisteten Arbeit zu kommen.

MitarbeiterInnenauswahl – Einschätzung über Stärken und Schwächen der ES
Die Fachberatung muss zu einer persönlichen Einschätzung der ES kommen. Zu berücksichtigen sind dabei die persönlichen Merkmale (Charaktereigenschaften) der ES Mitarbeiterin, Stärken und Schwächen, Möglichkeiten und Einschränkungen des Gesamtsystems, Bedürfnisse eigener Kindern, räumliche Möglichkeiten, sowie Örtlichkeiten und Infrastruktur. Dies geschieht einerseits über das Bewerbungsverfahren, andererseits aber auch über das Erleben der Mitarbeiterin und der gesamten ES im Beratungsprozess. Letztlich ist diese Einschätzung ausschlaggebend für die Zuordnung einer Anfrage eines Kindes/Jugendlichen durch das Jugendamt zu einer bestimmten ES oder eben nicht.
Neben Bewerbungsgesprächen, Fragebögen, Gesprächen mit der gesamten Familie und Hausbesuchen, muss die Fachberatung bzw. das Fachberaterteam auch auf die eigene Intuition und den daraus folgenden Impulsen vertrauen und diesen folgen, obwohl vielleicht „sichtbar“ und formal alles stimmt. Die Zusammenarbeit mit einer neuen ES oder ggf. die weitere Zusammenarbeit mit einer ES hängt somit nicht nur von der formalen Erfüllung aller Voraussetzungen ab, sondern auch davon, inwieweit der Fachberater insgesamt eine vertrauensvolle Zusammenarbeit für möglich hält. Soweit nach einer Unterbringung deutlich werden sollte, dass eine weitere Zusammenarbeit mit der ES aus bestimmten Gründen nicht mehr möglich ist, hat das unmittelbare Auswirkungen auf das untergebrachte Kind. Das Kind wird dann aus der ES herausgenommen. Die Fachberatung bzw. das Fachberaterteam hat demzufolge eine hohe Verantwortung, in bezug auf die Eignung von Personen als ES größtmögliche Sicherheit zu erzielen.

Gezielte Unterstützung und Begleitung der ES (SV, Fortbildung)
Als Teil der Fachaufsicht sehen wir des weiteren die fachliche Weiterentwicklung und fachliche Integration der ES an. Dazu gehören die Verpflichtung jeder ES eine externe Supervision in Anspruch zu nehmen, sowie an einer kollegialen Beratungsgruppe teilzunehmen. Hinzukommen spezifische Fortbildungen, die über die Fachberatung empfohlen werfen können. Der Fachberatung obliegt dabei, darauf zu achten, dass seitens der ES die fachliche Weiterentwicklung auch wahrgenommen wird. Zudem organisiert die Fachberatung in thematischer Absprache mit den Mitarbeiterinnen einmal jährlich eine betriebinterne Fortbildung.

Fürsorge

Sicherstellung von Entlastungsmöglichkeiten
Zur Stabilisierung und langfristigen Aufrechterhaltung einer ES ist die individuelle Planung eines Entlastungssystems unerlässlich. Die Fachberatung unterstützt und berät die ES Mitarbeiterin bei der Suche nach geeigneten Entlastungskräften und ruft über den Träger der Maßnahme die notwendigen finanziellen Mittel ab. Mitunter muss die Fachberatung auch die Inanspruchnahme von Entlastung anordnen, damit Systeme sich nicht überfordern. Die Fachberatung trägt dafür Sorge, dass das jeweilige Entlastungssystem im Interesse des Kindes vertretbar ist bzw. auch für das Kind eine Entlastung bzw. einen Nutzen darstellt.

Verlässlichkeit, Disziplin und Fachkompetenz der FB
Die Mitarbeiterinnen der ES haben einen Anspruch auf einen Fachberater bzw. Fachberaterin, die über Fachkompetenz verfügt und sowohl verlässlich, als auch diszipliniert, vereinbarte Aufgaben erledigt. Dabei kann die ES erwarten, dass die Fachberatung eine flexible Terminplanung ermöglicht und in Krisen auch außerhalb der „Bürozeiten“ ansprechbar ist und ggf. zur Krisenintervention vorbeikommt. Für die Fachberatung gilt ebenso, wie für die ES Mitarbeiter, die Verpflichtung zu fachlicher Weiterentwicklung und fachlicher Integration. Dazu zählen Supervision und Fortbildungen, aber auch Mitarbeit in Fachgremien.

Kommunikationsmöglichkeiten der ES untereinander anregen
Der Arbeit als ES liegt ein öffentlicher Auftrag zu Grunde, der im privaten Haushalt ausgeführt wird. Trotz aller Einbindungen in Beratungs- und Einrichtungsstrukturen ist ES Arbeit eine systemimmanent einsame Arbeit. Insofern sind auch über die Fachberatung Möglichkeiten des fachlichen und privaten Austausches anzubieten und anzuregen. Unter fachlichen Gesichtspunkten sind dies z.B. kollegiale Beratungsgruppen. Im Freizeitbereich sind regelmäßige „Stammtischtreffen“ der MitarbeiterInnen denkbar. Zur Kultur sollten des weiteren ritualisierte Veranstaltungen, wie Sommerfest, ggf. Betriebsausflug und Weihnachtsfeiern gehören.

Förderung der Betriebsidentifikation
Im rahmen der ES Arbeit geht es unserer Erfahrung nach weniger um die Förderung einer Betriebsidentifikation in bezug auf eine Einrichtung als solche (der Trägereinrichtung), sondern mehr um die Auseinandersetzung mit der Maßnahme und dem eigenen Selbstverständnis als Erziehungsstelle in Abgrenzung zu Pflegefamilien. Wichtig ist dabei, über die formalen Beschreibungen und Unterscheidungen gegenüber Pflegefamilien hinaus, den Mitarbeiterinnen in den ES dabei zu helfen, zu einem klaren inneren Selbstverständnis als pädagogische Fachkraft in einer ES zu kommen. Dabei ist der regelmäßige kollegiale Austausch über Erfahrungen, Haltungen und Umgehensweisen wichtig, um im Kollegenkreis ein Selbstverständnis als ES zu kommunizieren und von den Haltungen und Erfahrungen erfahrener Kolleginnen zu profitieren. Dies geschieht einerseits im rahmen der kollegialen Beratungsgruppen und andererseits im rahmen betriebsinterner Veranstaltungen, die die sukzessive Entwicklung und Weiterentwicklung eines Leitbildes zum Ziel haben.

Fachberatung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz

Auch wenn wir die Aufgaben und Funktionen der Fachberatung den Bereichen Fallbegleitung, Fachaufsicht und Fürsorge zugeordnet haben, so ist doch deutlich geworden, dass es Überschneidungen und Bedingtheiten gibt. Ohne eine intensive Fallbegleitung ist verantwortliche Fachaufsicht nicht möglich. Gleichfalls ist eine offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern in den ES nicht möglich, wenn fürsorgliche Elemente fehlen. Anders als in der Heimerziehung, betritt die Fachberatung den privaten Lebensbereich der Mitarbeiter. Er / sie erhält intimen Einblick in die Lebenssituation der Mitarbeiter. Dies muss er / sie auch, um ihren Auftrag erfüllen zu können. Die Fachberatung ist aber kein Familienmitglied, sie ist auch nicht freundschaftlich mit der Familie verbunden. Die Fachberatung kommt ausschließlich im Rahmen ihres dienstlichen Auftrages in die Familie. Mehr noch, er / sie ist Vorgesetzter.

Der Beratungsauftrag verbunden mit einer Aufsichts- und Vorgesetztenfunktion ist widersprüchlich und letztlich nicht aufzulösen. Trotzdem gibt es aus unserer Sicht in bezug auf das Setting ES keine Alternative dazu. Ein reiner Beratungsauftrag der Fachberatung impliziert Vertraulichkeit gegenüber dritten – auch Vorgesetzen. Wird die Vertraulichkeit gegenüber Vorgesetzen aber aufgehoben, übernimmt die Fachberatung de facto Aufsichtsfunktionen, da ein Vorgesetzter letztlich den Einschätzungen und Empfehlungen der Fachberatung folgen wird. Andernfalls, einmal von speziellen Szenarien abgesehen, würde die Arbeit der Fachberatung konterkariert werden.

In diesem Spannungsfeld muss sich der Fachberater / die Fachberaterin bewegen. Dabei gilt es, Fallen und Verstrickungen zu erkennen und möglichst zu vermeiden. Die notwendige Nähe der Fachberatung zu den ES Mitarbeiter/innen kann dazu führen, dass

  • Emotionale Verstrickungen den Blick auf die Gesamtsituation und somit auch auf die Bedarfe des Kindes / Jugendlichen verstellen
  • Die Fachberatung durch die Bedürftigkeit der ES Mitarbeiter nach Entlastung und Versorgung zu einer Überversorgung verführt wird und darüber an Grenzen ihrer Möglichkeiten und Leistungsfähigkeit stößt
  • Bei Beendigung einer Maßnahme (Arbeitslosigkeit, Einkommensverlust) bei der Fachberatung Druck entsteht, die ES möglichst schnell wieder neu zu belegen und somit die Gefahr einer Fehlplatzierung wächst

Aus unserer Erfahrung können wir sagen, dass die genannten Fallen nie völlig zu umgehen sind und ein erfahrenes Zurücklehnen im Bewusstsein, alles schon mal erlebt zu haben unter Garantie direkten Wegs in die nächste Falle führt. Erhöhte Wachsamkeit ist also erforderlich, um die Balance im beschriebenen Spannungsfeld nicht zu verlieren. Neben regelmäßiger Supervision sollte ein Fachberater / eine Fachberaterin in ein Team (möglichst von Fachberatern) eingebunden sein. Gerade die Fallreflexion im Team ist eine sehr wichtige Beratungs-, Austausch- und somit Fallenverhinderungsinstanz. Ein isolierter Fachberater / Fachberaterin läuft viel schneller Gefahr, bedingt durch ihre eigene berufliche Einsamkeit, sich mit ES Mitarbeitern kollegial verbunden zu fühlen und dabei die Kontrollaspekte ihrer Tätigkeit zu verdrängen. Hilfreich erleben wir auch einen regelmäßigen Austausch mit der Leitungsebene der Einrichtung (bzw. mit dem delegierten Ansprechpartner), zumal mitunter Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht im Kompetenzbereich der Fachberatung liegen (z.B. befinden über Ausnahmegenehmigungen). Gleichzeitig hilft eine vergleichsweise nüchterne Betrachtungsweise durch einen Leitungsvertreter, mehrdeutige Situationen zu bewerten, zu lösen und somit die Fachberatung schon mal aus vertrackten Lagen zu befreien. Damit die verschiedenen Beratungsebenen insgesamt hilfreich und wirksam sind bzw. werden, muss seitens der Fachberatung Offenheit, Reflektionsfähigkeit und Disziplin vorhanden sein. Je mehr ein Fachberater / eine Fachberaterin in eine fachkompetente und wertschätzende Teamstruktur eingebunden ist, desto weniger wird sie sich verstricken und Gefahr laufen, die Balance zwischen Beratung und Kontrollauftrag zu verlieren.

Thesen zur Fachberatung in Erziehungsstellen

Abschließend möchten wir Ihnen in Thesenform einige für uns wesentliche Aspekte der Fachberatungsarbeit in Erziehungsstellen zusammenfassend vorstellen.

  • Regelmäßige Beratungskontakte in der Erziehungsstelle sind Voraussetzung für die verantwortliche Wahrnehmung von Fallbegleitung, Fachaufsicht und Fürsorge
  • Um Kindern und Jugendlichen in Erziehungsstellen eine Entwicklungsperspektive zu bieten ist Elternarbeit bzw. Arbeit mit den Herkunftssystemen dezidiert erforderlich.
  • Eine Stärke des Hilfesystems Erziehungsstelle ist die Möglichkeit, durch die Fachberatung Elternarbeit flexibel gestalten zu können.
  • Fachberaterinnen und Fachberater müssen neben fachlicher Qualifikation offen, diszipliniert und sehr reflektiert sein.
  • Fachberaterinnen und Fachberater müssen in der Lage sein, ihre Intuition bewerten zu können.
  • Fachberaterinnen und Fachberater müssen Erfahrung im Umgang mit Krisen haben und Konfliktbewältigungsstrategien kreativ einsetzen können
  • Fachberaterinnen und Fachberater müssen Gruppenprozesse moderieren können und unter Zurücknahme der eigenen Funktion Ressourcen der MitarbeiterInnen zur Entfaltung kommen lassen
  • Fachberaterinnen und Fachberater müssen in eine fachkompetente und wertschätzende Teamstruktur (ggf. trägerübergreifend) eingebunden sein.

Die Mischung der Bereiche fordert heraus und macht Freude:

  • Wache und starke Kinder,
  • Mitarbeiter/innen, die qualifiziert, engagiert und herzlich dabei sind,
  • Träger, die durch kollegiale Zusammenarbeit den Rahmen schaffen.

Barbara Schaub
Fachberaterin seit 1999